SeniorPartner berichten aus ihrer Arbeit

"Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann"

In unseren Workshops trainieren wir regelmäßig das freie Reden. Wir stellen die Aufgabe, ein kurzes Referat z. B. über die Schule zu halten, und geben dazu Texte und Bilder vor.

Die Schülerinnen und Schüler haben 10 Minuten für die Vorbereitung, dann tragen sie vor. Es kommt darauf an, nicht nur das Vorgegebene wiederzugeben, sondern eigene Worte zu finden und eigene Eindrücke und Erlebnisse zu schildern. Beim letzten Training waren 2 SeniorPartner und 12 Jugendliche beteiligt. Die ersten Referenten waren albern und unkonzentriert. Bald schon wurde es ernster, das Forum ruhiger und die Ergebnisse ansehnlich. Ziemlich gegen Ende kam eine Schülerin an die Reihe, der nicht vortragen wollte (ich kann das nicht). Wir überredeten sie und sie hielt das beste aller Referate. Donnernder Applaus. Es war klar, dass da ein redebegabter Mensch vor uns stand, der aus dieser Begabung etwas machen kann. Nach dem Training kam sie mit Tränen in den Augen zu uns und bedankte sich für dieses Erlebnis: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“ Wir haben uns sehr gefreut, denn hier ist es wieder mal gelungen, Mut zu machen!

 

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"Die zwei Frédérics"

Meine Gruppe bestand aus einer Russin, einer Marokkanerin mit Kopftuch, einem Afghanen und einem Duo aus Polen. Spannend, spannend! Leider entpuppte sich das Duo, ein ziemlich großspuriger Frédéric und sein Freund, als echtes Chaos-Duo! Ihr Drang nach Blödsinn war unbegrenzt. Sie überboten sich dabei gegenseitig. Arbeiten sei uncool, war ihre Devise mit anerkennungsheischendem Blick auf die beiden Mädchen. Mein Ehrgeiz erwachte, auch das Chaos-Duo irgendwie zum Arbeiten zu bringen.

Eines Tages erzählte ich ihnen, ich sei Langstreckenläufer. Plötzlich fragte Frédéric, ob er mit mir joggen könnte. Verblüfft erfuhr ich, dass er acht Kilometer in 36 Minuten schafft. Ich schlug vor: Statt Joggen Bergauflaufen im Hochtaunus (Bergauf bin ich mit meinen 70 immer noch ganz gut). Gesagt, getan! Unter dem Altköniggipfel war er dann genauso erledigt wie ich. Während des Abstiegs öffnete der „zweite Frédéric“ plötzlich seine gedanklichen Schleusen mit unzähligen Fragen über Politik, die Deutschen, den Islam und das deutsche Schulsystem. Ich fiel aus allen Wolken über sein vielfältiges Interesse. Keine Frage, dieser „zweite Frédéric“ gefiel mir! Ein zweiter Lauf brachte dann die Wende. Frédéric arbeitete in den Workshops mit und machte so große Fortschritte in der Hauptschule, dass seine Eltern ihn auf die Realschule versetzen ließen. Das dortige Niveau war für ihn ein Schock. Quasi über Nacht war seine Großspurigkeit wie weggeblasen. Er bat mich, ihm zu helfen, sein Deutsch zu verbessern. Nun sitzen wir regelmäßig zu zweit zusammen und lernen konzentriert. Wenn er in der siebten und achten Schulstunde müde vor mir sitzt und dann manchmal daran zweifelt, die Realschule durchzustehen, sage ich ihm immer wieder: Du kannst es schaffen! Ich mache ihm Mut und ich glaube an ihn und er spürt das! Hoffentlich behalte ich Recht!

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„Was kann ich verdienen, was kostet das Leben?“          

Dem einen oder anderen Jugendlichen entgleitet schon mal sein Prepaidkonto auf dem Handy, und die Eltern müssen einspringen. Aber in der Regel ist es ja so, dass über das Taschengeld hinaus, die Jugendlichen keine Verfügung über Geld und Werte haben. Im schlimmsten Fall lehnen Eltern die angesagte Markenjeans ab, weil zu teuer oder so ähnlich. Nicht verwunderlich, weil die meisten unserer Jugendlichen keine Vorstellungen von Lebenshaltungskosten haben. In einem unserer Workshops rechnen wir deshalb Lebenshaltungskosten gegen Einkommen. Zunächst erforschen wir das Brutto- und Nettoeinkommen für den gewünschten Beruf (Was kann ich verdienen?). Und dann kommt der spannende Teil des Workshops: Die Jugendlichen rechnen ihre Kosten für Essen, Trinken, Internet, Wohnung, Heizung, Ausgehen, Fahrt zum Arbeitsplatz und alle anderen anfallenden Kosten zusammen (was kostet das Leben pro Monat?). Wir geben Ratschläge bei der Höhe der Miete, den Wohnungsnebenkosten, denn das sind einfach Sachen, die sie nicht wissen können. Und dann kommt der Strich: Was bleibt übrig oder was fehlt? Zu viel Ausgaben oder passt es? Kann oder will ich mich einschränken, oder habe ich den falschen Beruf gewählt? Unsere Jugendlichen nehmen etwas mit „für's Leben“.

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„Sie wussten es immer noch“        

Während der letzten 10 Minuten unserer 1 1/2 stündigen Workshops sprechen wir immer über allgemeine Themen, dazu gehört auch die Allgemeinbildung. Viele Schüler sind nicht besonders vertraut mit Größen unserer Geschichte wie Bach und Goethe. Und so stellte ich die Frage: Kann es sein, dass sich die beiden Männer kennen gelernt haben? Ich erzählte ein bisschen über die Musik von Bach, der 1750 gestorben ist und über die Werke von Goethe, der 1749 geboren wurde. Diese Zahlen und die Namen wiederholten wir nach 14 Tagen und alle Schüler konnten sich das merken. Selbst 1 Jahr später wurde ich von Schülern darauf angesprochen, sie wussten es immer noch. Diese Übung sollte die Schülerinnen und Schüler daran erinnern wie man gelerntes wiederholt, damit es im Langzeitgedächtnis verankert wird. Sie haben es geschafft, und auch ein so kleines Erfolgserlebnis macht Mut.

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"Das fällt mir ja leichter, als ich dachte"

In meine Workshops kommen Jungs, die technische Berufe ergreifen möchten. Wir erarbeiten technisches Wissen, üben Einstellungstests und hinterfragen, ob die vorhandenen Fähigkeiten für einen technischen Beruf,
z.B. Mechatroniker, ausreichen. Um feinmotorische Fähigkeiten zu erproben, setzen wir einen Flugsimulator ein. Das Programm läuft auf einem Laptop, das Flugzeug wird per Beamer an die Wand projiziert, damit alle sehen können, wie der jeweilige „Pilot“ fliegt. Es ist immer wieder spannend zu erleben, wie sich die Jungs bei dieser Übung anstellen. Da gibt es einen Jungen, der immer laut und sehr von sich überzeugt ist. Feinmotorische Fähigkeiten hatte ich ihm eher nicht zugetraut. Ich habe mich nicht getäuscht. Und es gibt einen leisen, sehr
höflichen Jungen, auf dessen Fähigkeiten ich gespannt war. Er war der beste „Pilot“ und sagte: „Oh, das fällt mir ja leichter als ich dachte.“ Großer Applaus und die Bestätigung, dass ein technischer Beruf wohl die richtige Wahl
ist. Das Mut machen hat wieder mal funktioniert.

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"Ich will Arzt werden"

Als wir uns im vergangenen September an der Gesamtschule am Gluckenstein den Schülern der 8. Klasse vorstellten, war für Abdul (15) schnell klar, wer sein SeniorPartner werden sollte. Ausschlaggebend war dabei, dass ich erzählte, wie ich auf dem Motorrad durch die USA gereist war. Abdul kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Er will Arzt werden. Dafür lernt er fleißig, denn er weiß: Wenn man ein Ziel hat, dann fällt das Lernen leichter. Mit meiner Unterstützung hat Abdul ein Praktikum in den Hochtaunus-Kliniken absolviert. Demnächst geht es zum Praktikum in die Wicker-Klinik. Abdul muss seinen Weg alleine gehen, aber ich mache ihm Mut indem ich sein Selbstvertrauen stärke und ihm vermittle wie er soziale Kompetenz aufbauen kann. Jetzt steht der Abschluss der mittleren Reife an. Ich hoffe sehr, dass er diese erste Hürde schafft.

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"Jetzt will ich es schaffen"

Eine fünf in Chemie ist jetzt erstmal nicht ein Problem. Kommt allerdings noch eine fünf in Englisch dazu, wird es schon schwieriger. Und vollends ungemütlich wird es, wenn es keinen Ausgleich aus einem Hauptfach gibt. Chemie und Englisch sind eher „Lernfächer“ und weniger „Verständnisfächer“, wie beispielsweise Mathe oder Physik. Das wissen unsere Schüler natürlich auch. Was tun, wenn es trotzdem Probleme gibt? Sind es Lernblockaden, oder woran liegt es? Oft fehlt eine Hilfe: Wie soll ich lernen? Wie mache ich das am besten? Deshalb haben wir einen Workshop „Lernen wie man lernt“. Darin erklären wir Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis, wie man sich am besten neuen Stoff aneignet und wann man wiederholen muss. An Beispielen aus dem Periodensystem üben wir „Eselsbrücken“ für Metalle und Edelgase zu entwickeln. Auch so können wir Mut machen, eine Hürde zu überspringen. Stellen sich dann Erfolge bei der nächsten Chemiearbeit ein, freuen wir uns über einen richtigen Motivationsschub bei unseren Schülern.

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"Jetzt widerspricht sie mir schon in verständlichem Deutsch"

Ich denke zurück: Ist das noch dasselbe Mädchen wie vor 18 Monaten? Damals war sie aus einer Stadt hinter dem Ural nach Deutschland gekommen. Sie war extrem schüchtern und sprach fast kein Deutsch. Seitdem lernt sie bei mir in einer Vierergruppe zwei Stunden wöchentlich hauptsächlich deutsche Grammatik. Jetzt widerspricht sie mir schon ohne zu zögern und in verständlichem Deutsch. Nun gut, mit ein paar Fehlern spricht sie, zugegeben, aber welch ein Fortschritt in so kurzer Zeit! Da wir uns inzwischen besser kennen, konnte sie auch ihre Schüchternheit überwinden. Man spürt ihren Willen, vorwärts zu kommen. Ich weiß, dass ihre Eltern nachmittags noch zusätzliche Nachhilfestunden organisiert haben – auch in den Schulferien. Eine Sozialhelferin hatte schon ihre Klassenlehrerin angesprochen, dass man sie überfordern würde. Irrtum: Sie, mit ihren jetzt 16 Jahren, will das so, denn sie hat einfach Durchhaltevermögen und der schnelle Lernerfolg macht ihr Mut für die Zukunft.

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