10 Jahre Festvortrag

Vorbereitung auf das reale Leben außerhalb von Elternhaus und Schule - von Dorothea Henzler

  1. August 2018

Sehr geehrte SeniorPartnerinnen und -Partner

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute feiern wir gemeinsam einen runden Geburtstag, nämlich den 10. Geburtstag des Inter-Generationen-Projektes JUSTAment.

Es begann im Jahr 2008 als Pilotprojekt an der Erich-Kästner-Schule in Oberursel, wurde 2010 ausgeweitet auf die Friedrich-Stolze-Schule in Königstein und die Gesamtschule am Gluckenstein in Bad Homburg und im Jahr 2011 kam die Integrierte Gesamtschule in Oberursel-Stierstadt dazu.

Aus einem kleinen Anfang ist ein großes und ich kann sagen, sehr erfolgreiches  Projekt mit derzeit über 40 SeniorPartnerinnen und -Partnern geworden, die vielen, vielen Schülerinnen und Schülern, über 1500, in den letzten 10 Jahren die Hand gereicht haben und sie in die Welt des realen Lebens außerhalb der Schule begleitet haben. Jetzt können Sie die Frage stellen, warum ist das überhaupt nötig? Da gibt es doch Eltern und da gibt es vor allem Lehrerinnen und Lehrer, die dafür zuständig sind.

Natürlich sind es in erster Linie die Eltern, die schon laut Grundgesetzes für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich sind. Artikel 6, Absatz 2 besagt: Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürlich Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über die Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. Da gibt es aber auch das chinesische Sprichwort: Zur Aufzucht eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes.

Beides ist sicher richtig gedacht. Das Elternhaus oder die „soziale Herkunft“, wie es heute heißt, beeinflusst die Entwicklung eines Kindes am stärksten und das wird, meiner ganz persönlichen Meinung nach, auch immer so bleiben. Die Zuwendungen und Anregungen der ersten Lebenstage, der ersten Lebensmonate und Lebensjahre sind prägend für die emotionale und geistige Förderung eines Kindes und diese Zeit liegt lange vor dem Besuch einer Kindertagesstätte oder der Schule. Auch ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Anzahl der Bücher in einem Elternhaus maßgeblich die geistige Entwicklung eines Kindes prägt.

Auch die Grundlagen zur Entwicklung einer starken Persönlichkeit eines Kindes werden zuallererst im Elternhaus gelegt. Das Programm „Starke Eltern – Starke Kinder“ arbeitet genau daran. Dabei geht es aber nicht um Helikoptermütter, sondern um Zutrauen und Freiheiten. Kinder müssen Erfahrungen – gute wie schlechte – selbst machen dürfen. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung sind viele Elternhäuser heute allerdings gar nicht mehr in der Lage, oder leider manchmal auch nicht willens, ihren Kindern alles das zu vermitteln, was sie außerhalb von Elternhaus und Schule an praktischem Wissen benötigen. Vater und Mutter sind heute meistens berufstätig, abends und am Wochenende gestresst und müde, auch die Hausarbeit muss neben dem Beruf erledigt werden, da bleibt wenig Lust und Zeit für Gespräche und Spiele mit den Kindern.

In anderen Familie sind die schulpflichtigen Kinder die einzigen, die morgens aufstehen, Sie können sich denken, wie die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern in diesen Elternhäusern aussieht, von der Ernährung gar nicht zu reden. Bei manchen Eltern hat sich auch die Meinung gebildet, ihr Kind in der ersten Klasse der Grundschule abgeben und als Abiturienten dann wieder abholen zu können. Um diesen Ansprüchen zu genügen, ist der Ruf nach Schulfächern wie Haushaltsführung, Verständnis von Wirtschaft, Abschließen von Verträgen, Programmiersprachen, Kochen oder Handarbeit überall zu vernehmen.

Meine Frage an die jeweiligen Interessengruppen, die solche Forderungen stellen, welches Fach sie denn dafür streichen wollen, wird allerdings nie konkret beantwortet. Damit sind wir bei den Aufgaben der Schule in der Vorbereitung auf das reale Leben. In Zeiten der „Feuerzangenbowle“ haben die „Schöler“ ihre Lehrer als absolute Autoritätspersonen respektiert, auch wenn sie ihnen manchen Streich gespielt haben. Auch in meiner Schulzeit war die Schule eine Institution, die vornehmlich für die Bildung der Schülerinnen und Schüler verantwortlich war, in Fragen der Erziehung, des Benehmens, der Disziplin waren die Eltern zuständig und sie standen eigentlich immer auf der Seite der Lehrer. Das hat sich grundlegend geändert. Bei Meinungsverschiedenheiten, zum Beispiel bei der Notengebung, erscheinen Eltern heute nicht selten in Begleitung eines Rechtsanwaltes in der Schule.

Auch ist die Schule von heute der entscheidende Lebensraum und fast ganztägiger Aufenthaltsort der Kinder und Jugendlichen und damit muss sie zwangsläufig viele zusätzliche Aufgaben übernehmen, eben nicht nur die Vermittlung von Wissen und Bildung. Die Folge davon ist, dass nicht mehr nur die Profession von Lehrerinnen und Lehrern, die für viele der anfallenden Tätigkeiten gar nicht ausgebildet sind, benötigt wird, sondern multiprofessionelle Teams an einer Schule arbeiten müssen. Das beginnt bei Sozialpädagogen, Schulpsychologen, Seelsorgern, Krankenschwestern, Verwaltungsfachleuten und eben auch lebenserfahrenen Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Berufen.

Eines meiner Hauptanliegen und Ziel als Bildungspolitikerin war immer die Öffnung von Schule für Menschen anderer Professionen. Wer kann denn einen Handwerksberuf besser schildern als der Handwerksmeister persönlich? Wer kann denn wirtschaftliche Themen besser erklären als ein Banker oder ein Wirtschaftsprüfer? Wer kann denn besser beurteilen, worauf es bei Bewerbungsunterlagen wirklich ankommt, als ein aktiv tätiger oder ehemaliger Personalchef?

Besonders bei den Schülerinnen und Schülern der Bildungsgänge Haupt- und Realschule kommen sehr früh zu der normalen Wissensvermittlung die Vorbereitung auf die Berufswahl und auf die praktischen Dinge wie Bewerbungen und Bewerbungsgespräche hinzu.

Und damit sind wir bei der Zielsetzung von JUSTAment.

Menschen mit Erfahrungen in ganz verschiedenen Berufen, die von außen in die Schule kommen, erzählen Schülerinnen und Schülern etwas über ihre Berufe, über ihre ganz persönlichen Erfahrungen in der Arbeitswelt.

Sie bereiten mit ihnen Bewerbungsunterlagen vor, sie üben Bewerbungsgespräche und, das fast allerwichtigste, sie haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Jugendlichen.

Sie hören eben einfach zu und geben damit den Jugendlichen das Gefühl, auch ich werde ernst genommen und habe etwas zu sagen. Das ist gerade für diejenigen, die von zu Hause wenig oder gar keine Unterstützung haben, eine ganz neue Erfahrung. Dabei gibt es keine Noten, sondern gute Ratschläge, die man annehmen und befolgen, aber auch ablehnen kann. Dabei gibt es keine Wissensabfragen, sondern Gespräche auf Augenhöhe. Dabei gibt es keine Belehrungen, sondern Erzählungen über persönliche Lebenserfahrungen. Dabei gibt es keine rein theoretischen Ratschläge, sondern handfeste Kontakte in die Arbeitswelt.

Dieser Generationen übergreifende Dialog ist das Markenzeichen von JUSTAMENT und gibt beiden Seiten, Schülerinnen und Schülern, aber auch den SeniorPartnern, ein Gefühl der Zufriedenheit. Auch wenn es bis dahin manchmal etwas länger dauert. Die SeniorPartner in dieser Partnerschaft erfahren viel über die Welt der Jugend von heute, lernen immer noch etwas dazu und bleiben dadurch geistig fit und beweglich. Es ist also auf Neudeutsch eine win-win-Situation für beide Seiten - für Alt und für Jung. Die Brücke zwischen Schule und Ausbildung ist nicht einfach zu überqueren, auch wenn es viele staatliche Hilfsprogramme dabei gibt.

Ein besonders erfolgreiches Modell dabei ist die „Mittelstufenschule“, in dieser Schulform wird der Unterricht tageweise in einer Beruflichen Schule durchgeführt. Die Schülerinnen und Schüler des Haupt- und Realschulzweiges schnuppern auf diese Weise in verschiedene Berufswelten hinein und erleben praktische Tätigkeiten hautnah. Ich glaube, für die EKS auf ihrem Weg zur kooperativen Gesamtschule und der räumlichen Nähe zur Hochtaunusschule wäre das eine gute Option für die Zukunft.

Ich gratuliere JUSTAment ganz herzlich zum 10. Geburtstag und wünsche dem Projekt noch viele erfolgreiche Jahre. Möge sich die Zahl der SeniorPartnerinnen und –Partner kontinuierlich erhöhen, damit noch sehr viele Schülerinnen und Schüler von der Lebenserfahrung erfolgreicher Menschen profitieren können.

Den SeniorPartnern wünsche ich die nötige Geduld, um mit der Jugend von heute erfolgreich zu arbeiten, ich glaube, trotz mancher Schwierigkeiten überwiegt am Ende die Freude, einem jungen Menschen auf dem Weg ins Berufsleben und damit ins Erwachsenenleben geholfen zu haben.

Ich persönlich freue mich, ab und zu bei den Beratungen dabei sein und vielleicht auch den einen oder andern Vorschlag machen zu können. Lassen Sie uns nach dem Motto der Erich-Kästner-Schule weitermachen, das da lautet: Gemeinsam in die Zukunft starten!

Viele Dank fürs Zuhören und jetzt wünsche ich Ihnen noch eine schöne Geburtstagsfeier.  

Dorothea Henzler

Staatsministerin a.D.

  

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